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Geht raus und spielt auf Sieg!
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Beispiel 22: Digitaluhr
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Ein Gespräch mit Mondpalast-Intendant Thomas Rech über zwei Jahre Volkstheater in Wanne-Eickel, 100.000 Besucher und das Modell der Zukunft
Von Susanne Schübel/JournalistenBüro Herne
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Als der Intendant der RuhrTriennale, Jürgen Flimm, sein Programm für 2005 vorstellte, wurde es Thomas Rech, Intendant im Mondpalast von Wanne-Eickel, warm ums Herz.
Flimms Entscheidung, das Theaterfestival mit einem Fußball-Oratorium zu beginnen, erinnerte den 51jährigen sofort an „Ronaldo und Julia“, die erste Premiere im Mondpalast, eine Fußballkomödie. Prima Idee, mit Fußball anzufangen, dachte sich Rech, nachdenklich machte ihn Flimms zweiter Satz: „Dieses Oratorium berührt die Basis.“ Unkommentiert stand er da, in regionalen und überregionalen Zeitungen.
Und Thomas Rech, der Philosoph und Theologe, fragte sich: „Was sagt uns ein solcher Satz? Er sagt: Die Triennale hat nichts mit der Basis zu tun.“
SuSch: Herr Rech, was hat der Mondpalast mit der Basis zu tun?
Rech: Unsere Basis sind die Menschen, die das Ruhrgebiet tragen, die hier leben und arbeiten. Im Mondpalast werden diese Menschen respektiert und in ihrer Lebenswirklichkeit wahrgenommen. Der Mondpalast ist eine Instanz, die Identifikation stiftet. Auf heitere, aber ehrliche Weise spiegeln wir Realität.
SuSch: Was ist denn so besonders am Mondpalast?
Rech: Der Mondpalast hat in nur zwei Jahren rund 100.000 Menschen nach Wanne-Eickel ins Theater gelockt – ein sensationeller Erfolg! Jeder dritte Besucher kam aus der Stadt selbst, die übrigen aus der Region und teilweise von weit her. Außergewöhnlich viele junge Menschen wollten uns sehen. In diesen zwei Jahren sind wir abgegangen wie eine Rakete. Dabei ist es gelungen, den Mondpalast nicht nur künstlerisch erfolgreich zu machen, sondern auch wirtschaftlich: Wir bekommen keinen einzigen Cent öffentlicher Förderung und haben keinen einzigen Cent Schulden. Der Mondpalast ist das Theatermodell mit Zukunft. Sein tatsächlicher Wert wird sich den Kultusbürokraten erst in zehn Jahren erschließen, wenn es die RuhrTriennale schon lange gar nicht mehr gibt. In zehn Jahren werden wir ein Leuchtturm-Theater sein, das bundesweit strahlt – so wie einst das Ohnesorg- oder Millowitsch-Theater, die ihre Vorreiterrolle völlig verloren haben.
SuSch: Bei der Premiere schaffte es der Mondpalast bis in die „Tagesthemen“. Aktuell ist von bundes- oder landesweiter Wahrnehmung noch nicht viel zu spüren. Warum macht der Mondpalast nicht mehr auf sich aufmerksam?
Rech: In der Politik herrscht die Meinung vor, wirklicher Aufbruch geschehe nur im Großen, in Musicals wie Starlight Express oder bei der RuhrTriennale. Kreatives Leben jedoch entsteht nicht auf riesigen Events, sondern im lebendigen Miteinander, durch kreative Querulanten, die in ihrer Region Arbeits- und Entfaltungsmöglichkeiten finden. Wir haben innerhalb von zwei Jahren 100.000 Menschen nach Wanne-Eickel gelockt, ohne vorher um Geld anzustehen. Wir haben ein fest angestelltes Ensemble, das größer ist als das des Westfälischen Landestheaters nebenan.
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Wir schaffen neue, sichere Arbeitsplätze im künstlerischen, kaufmännischen und technischen Bereich. Ist das für Politiker kein Grund,sich ein solches Theater einmal näher anzuschauen? Ich sage: Politiker, Entscheider und Medien, die diese Botschaft nicht verstehen, verpassen eine unglaubliche Chance, denn sie laufen der Musik, die schon heute spielt, längst nur noch hinterher.
SuSch: Keine Förderung, zu wenig Wahrnehmung – wie wollen Sie so einen Leuchtturm bauen?
Rech: Der Mondpalast wünscht sich eine wertschätzende Wahrnehmung, keine öffentlichen Gelder. Wer jemals eine Taxiquittung mit dem Kulturamt abgerechnet hat, verzichtet gern sein Leben lang auf jegliche Unterstützung. Wer Kulturförderung erhält, steht wegen der skurrilen und praxisfernen Richtlinien bei der Abrechnung immer mit einem halben Bein im Knast. Wir beweisen, dass ein Theater auch ein Wirtschaftsbetrieb sein kann – mit Tiefgang, Niveau und voller Leben.
SuSch: Prinzipal und Intendant – was ist das: ein harmonisches Duo oder zwei gegensätzliche Pole?
Rech: Die Zusammenarbeit mit Stratmann ist für mich ein echter Glücksgriff. Stratmann ist ein genialer Marketingstratege, der dabei kostenbewusst, aber mit starken ethischen Grundsätzen handelt. Mit mir – dem studierten Philosophen mit Sternbild Skorpion, dem katholischen Theologen, der Woyzzek und Beckett liebt – ergänzt er sich wundervoll. Wir vertreten gemeinsame Überzeugungen – wir achten und lieben unser Publikum und unser Ensemble. Wir tun alles dafür, dass unsere Besucher vom Kauf der Karte bis zum Abholen des Mantels nach der Vorstellung ein rundum gelungenes Theatererlebnis haben. Dafür arbeiten wir mit ganzer Kraft –auf der Bühne, an der Garderobe, in der Gastronomie, in der Werbung, im Marketing. Und im „Abendessen für Eine“, der ersten Ruhrgebietsversion des legendären „Dinner for one“, stehen wir auch noch gemeinsam auf der Bühne.
SuSch: Jobsharing im Mondpalast: Welche Aufgaben hat der Intendant, welche der Prinzipal?
Rech: Christian Stratmann hat als Prinzipal am Mondpalast Rahmenbedingungen geschaffen, die im Theaterbereich außerordentlich sind. Für Schauspieler ist es leider gar nicht selbstverständlich, zwei Tage vor Monatsende regelmäßig das Gehalt auf dem Konto zu haben. Unser Ensemble umfasst zehn festangestellte Schauspieler – mehr als das Westfälische Landestheater in Castrop-Rauxel oder viele Stadttheater. Alle Schauspieler werden durchbezahlt, sie erhalten ihre Gage auch in der Spielpause oder wenn sie in einem Stück nicht besetzt sind. Das hat sich herumgesprochen. Wenn wir eine Rolle neu zu besetzen haben, flattern mir schon vor dem Casting 60 Initiativbewerbungen guter Leute auf den Tisch, die bei uns arbeiten wollen. Der Mondpalast ist auf dem besten Wege, eine wichtige Adresse auf dem Karriereweg junger Schauspieler zu werden. Uns Künstlern gibt der Mondpalast viel mehr als Lebensunterhalt oder Geld. Er bietet uns eine tägliche Herausforderung und den Raum für Weiterentwicklung, für Experimente.
SuSch: Und Ihre Aufgabe?
Rech: Meine Aufgabe ist es, dass jeden Abend von der Bühne Theaterfreude aufs Publikum überspringt. Nach der ersten Aufführung genauso wie nach dem 150. Vorhang. Das stellt sich nicht von allein her. Bei jeder neuen Produktion fange ich wieder bei Null an. Ich inszeniere immer auf Sieg und spiele auf Angriff. Bei jeder Vorstellung stehe ich am Bühnenrand, bevor sich der Vorhang hebt und sage dem Ensemble: Geht raus und spielt auf Sieg. Ich mache am Mondpalast so gut und professionell Theater wie ich kann.
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Ich bin stolz darauf, wenn die Eröffnungsszene von „Ronaldo und Julia“, bei der die Schauspieler in Zeitlupe zu gregorianischen Gesängen agieren, von der Kritik erkannt und gewürdigt wird. Da unterscheiden wir uns in keiner Weise vom Bochumer Schauspielhaus oder dem Berliner Ensemble. Mein Arbeitsprinzip lautet: Die Leute, die reingehen, sollen stolz auf ihr Mondpalast-Theater sein. Die Leute, die nicht reingehen, sollen sich für den Mondpalast nicht schämen müssen.
SuSch: Der Mondpalast als Sprungbrett für eine Schauspielkarriere – was tun Sie, wenn die Schauspieler von Bord gehen, um an anderer Stelle für mehr Geld anzuheuern?
Rech: Zunächst einmal ist es uns gelungen, sechs richtig gute Leute, die das Ruhrgebiet längst verlassen hatten, wieder ins Revier zurück zu holen, allen voran die wunderbare Maewa Ferstl. Wir pflegen unsere Wurzeln im Ruhrgebiet und sind stolz darauf. Andere Schauspieler wie Peter Lohmeyer oder Joachim Krol schmücken sich mit dem Ruhri-Image, wenn es gerade passt. Ihre Karriere jedoch planen und leben sie in München, Berlin, Köln, Mallorca. Leute, die etwas zu sagen oder zu zeigen haben, verlassen die Region, weil sie keine Jobs bekommen. Wir schaffen diese Jobs. Gleichzeitig kämpfen wir im Kulturbereich gegen Subventionen in einer fast unanständigen Höhe. Den ersten Schauspieler, Alexander Stirnberg, haben wir aus diesem Grunde bereits an die „RuhrRevue“ verloren, die zur WM 2006 mit den Misfits, Herbert Knebel und Jochen Malmsheimer garantiert ein kommerzieller Großerfolg wird. Warum – so frage ich mich – muss man eine solche Veranstaltung, mit der Geld verdient werden, aus Steuermitteln so fett subventionieren, dass ein Mann wie Stirnberg in den wenigen Revue-Monaten so viel verdienen kann wie das ganze Jahr im Mondpalast? Er ist gegangen, und er wird sich verschlechtern, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Trotzdem weine ich um jeden Schauspieler, der geht, denn die Schauspieler sind wie meine Kinder, für die ich verantwortlich bin.
Das Interview zum Download.
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