Selbs inschuld schriftlich

Beispiel 22: Digitaluhr

 

Selbs inschuld

Eine Premiere in Wanne-Eickel

Der Prinzipal Christian Stratmann hat es geschafft das Interesse hochkarätiger Ruhrprominenz auf den Mondpalast und damit auf Wanne zulenken. Die Gästeliste der Premiere am Donnerstag, den 18. Mai liest sich wie das „Who is Who“ des Ruhrgebiets. Der Verkehrsminister des Landes NRW, Oliver Wittke, der RVR-Direktor Klink, Gerd Pieper als einer der Hauptsponsoren des Mondpalastes, diverse amtierende und Ex-Oberbürgermeister des Ruhrgebietes sowie weitere hochkarätige Prominente aus Politik, Kultur, Medien und Sport.
Der, wie ich finde, wichtigste Gast soll aber nicht vergessen werden: Dr. Oliver Scheytt, Kulturdezernent in Essen und Macher der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet 2010.
Sicherlich hilft diese Gästeliste dem Mondpalast endlich auch den verdienten Sprung ins Fernsehe zu meistern. Zurückstehen muss er schon seit langem nicht mehr hinter den in diesem Medium bereits etablierten Theatern aus Hamburg, Köln und Bayern.

Dem Autor Sigi Domke ist es in dem Stück gelungen Ruhrcharaktere zu zeichnen die jeden Tag bei Aldi in der Kassenschlange stehen und genauso sind wie wir eben auch sind. Ein bißchen selbstverliebt, ungeschminkt und ehrlich.

Auf dem Campingplatz „Frischluftfreunde“ an der Ruhr versammelt sich die Campinggemeinde um den Platzwart Heribert Grotnik. Martin Zaik liefert hier eine unglaubliche Leistung als Heribert ab, der arme Mann hat als toter Platzwart noch unheimlich zu leiden, also körperlich, sag ich mal.
Alle Campingfreunde haben mit Heribert ihren geregelten Ärger, womit die Schar der Verdächtigen rasant wächst.

Da ist zum einen der auf keinem Campingplatz fehlende Holländer Piet van Bommel , herrlich , mit astreinem holländischem Akzent dargeboten von Thorsten “Huub Stevens“ Brunow. Der ehemalige Grachtenschwimmer, Tulpenzüchter und jetzige Matjesvertreter ist ein wandelnder „Coffeeshop“, sein Zelt eine einzige Dopehöhle.

Die esoterisch angehauchte und neurotische Kioskpächterin Klara , eine Verwandte von Heribert vernachlässigt den Kiosk und soll gefeuert werden. Silke Volkner in ihrer bisher absolut besten Mondpalastrolle, einfach grandios.
Sie wird innig verehrt vom Oberwachtmeister Edgar, der während der Abwesenheit Heriberts ein Auge auf den Platz und Camper werfen soll aber dies schon seit geraumer Zeit auf Klara getan hat.
Das mit der Pacht im Rückstand befindliche Ehepaar Matz ist dauerkrank und hat genug Medikamentenvorrat für diverse Morde.
„Desi“ Pazotta ( Maewa Ferstl) kann ihren spielsüchtigen Gatten Maik (Dirk Emmerich, der auch ohne Kostüm glänzen kann) nur noch unter Valium ertragen, was letztendlich auch Heribert zu spüren bekommt, der Maik in der Nacht zuvor den letzten Cent Haushaltsgeld beim Spielen abgezockt hat.
Der Vamp Genofeva, herrlich Ute Schütgens mal mit schwarzer Perücke, hatte mal ein kurzes Verhältnis mit Heribert, nachdem sie schon drei Gatten überlebt hat. Nun hatte er sie verstoßen.
Der dauertrunkene Angler Klaffke (Thomas Heiser) erscheint so unverdächtig das man hier schon geneigt ist genau das Gegenteil zu denken.

Am Vorabend einer Moselreise dekantiert Heribert die letzte Flasche Weißwein. In unbeobachteten Momenten nutzt jeder der Campingfreunde die Gelegenheit diesen Wein mit einem Zusatz zu versehen um Heribert mal so richtig eins auszuwischen. Die Obduktion wird später ergeben, das dieser Cocktail Süßstoff, Valium, ein wenig Hasch und Antidepressiva enthielt.. Heribert stirbt in dieser Nacht auf dem Steg an der Ruhr.
Am anderen Morgen glaubt jeder der Protagonisten mit seinem Zusatz den Tot Heriberts verursacht zu haben.
Sigi Domke hat hier in toller Art den Hitchcock-Klassiker „Immer Ärger mit Harry“ ins Ruhrgebiet übertragen. Alle Beteiligten finden die Leiche einmal und verstecken sie vor den anderen woanders. Weil jeder glaubt er sei Schuld am Tode Heriberts. Bei den Transporten zu den verschiedenen Verstecken hat Martin Zaik nun wirklich viel zu leiden, der arme Hund kann einem da wirklich leid tun.

Dafür darf er dann, Columbo ist nur eine Karikatur, als Kommissar Kaminski mit seinem Assistenten Edgar den Fall im zweiten Teil lösen. Jeder Satz, jede Szene ist gespickt mit irgendwelchen Zitaten.
Der Zuschauer spürt, das sich die Schauspieler in der von Mathias Handrick geschaffenen kleinbürgerlichen Campingplatzkulisse wohlfühlen. Vom Gemeinschaftssanitär bis zum Gartenzwerg ist alles da, was einen deutschen Campingplatz so liebenswert macht.
Thomas Rech als Regisseur führt seine Leute in jeder Szene auf den Punkt.
Der Schluß und die Lösung des Falles ist so überraschend und aber vielleicht doch nicht, das wohl keiner der Zuschauer die Lösung geahnt hat.
Hier wird in drei Stunden herrliche, weil ehrliche Slapstickkomödie geboten. Langeweile kann hier nicht aufkommen, die Schauspieler sind zu gut drauf. Wer sich dieses Stück entgehen lässt ist erstens kein Ruhri und zweitens selbs inschuld.

Ulrich Schäfer


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Rechte: Mondpalast

 

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