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Flurwoche-Eine Besprechung


Rechte: Mondpalast

Flurwoche, eine Besprechung, Premiere am 10.09.08, Mondpalast von Wanne-Eickel

Prinzipal Christian Stratmann hatte zur inzwischen fünften Premiere in den Mondpalast geladen und viele sind seinem Ruf gerne gefolgt. Dr. Ingo Wolf, Innenminister des Landes NRW kam genau so gerne wie viel Prominenz aus Show, Sport und Politik.
Werner Müller und Jean Pütz (WDR), Werbestimmenikone Werner Hansch, Ulrike Nasse- Meyfarth ebenso wie Olaf Henning und viele amtierende und ehemalige Oberbürgermeister aus den umliegenden Ruhri-Städten waren da.

„Flurwoche“ war angesagt. Autor Sigi Domke hat ein Stück geschrieben wie es typischer für das Ruhrgebiet nicht sein kann. Fünf Nationen (Polen, Russen, Italien, Türken und Deutsche) leben in diesem Haus unter einem Dach uns sind so vollgeladen mit Vorurteilen über den anderen wie es genauso auf Bottrops Straßen sein kann.

Für das Ehepaar Buschmann (Silke Volkner und Ekkehard Eumann) ist der polnische Nachbar Jerzy Kasprzyk ein rotes Tuch. Buschmanns sind mit der Flurwoche dran und Jerzy K. schleppt immer neue, kaputte Fahrräder an die er erstmal im Hausflur lagert. Eine geregelte Flurwoche ist damit nicht zu schaffen. Und nach dem Motto „jeder Pole klaut“ wird erstmal über die Räder und Jerzy lamentiert. Weil Jerzy aber seine Verwandtschaft in Polen finanziell unterstützt repariert er nebenbei nur die Räder. Um zusätzliches Geld zu beschaffen.
Jerzy selbst kann es mit Russlanddeutschen Hildegard Reichenberg (ziemlich verrucht Ute Schütgens) überhaupt nicht (Russe bleibt Russe) und so fetzen sie sich ganz ordentlich im Hausflur. Eigentlich ist Hildegard Reichenberg eine hochqualifizierte Physikerin, findet aber in Deutschland keinen entsprechenden Job und hat soich in dem Haus eine „Erziehungspraxis“ eingerichtet. Das sie eine „Hobbydomina“ ist, ahnt in dem Haus noch niemand. Nur die vielen fremden Männer fallen den Nachbarn bisher auf.

Der Computerexperte Hans-Peter Reinke (Axel Schönnenberg) hat ein Auge auf die italienische Eisverkäuferin Marina Benetti (Maewa Ferstl) , die eigentlich Modedesignerin sein möchte, geworfen. Er kann ihr zwar fix und ohne Probleme eine Internetshop einrichten aber zwischenmenschlich hat er doch ein kleines „Treiberproblem“ und gibt sich sehr unbeholfen. Es dauert bis sie sich doch noch näher kommen.

Die Türkin Hanife Gündüz (mit Kopftuch Anette Weizmann) will mir den vorurteilsbeladenen Mitbewohner eigentlich nichts zu tun haben. Sie ist zwangsverheiratet gewesen, dann geflohen und nun Steuerberaterin in Herne-Wanne. Eine vielleicht fast schon typische türkische Frauenkarriere.

Der stockschwule Tobias (herrlich und ausgezeichnet Dirk Emmerich) lebt seine enttäuschte Liebe am Handy im Hausflur aus.
Eigentlich kann keiner mit dem anderen richtig etwas anfangen. Man grüßt sich zwar und plaudert nett über nichts.
Bis der verwachsen zur Welt gekommene Friedhelm Christ (herrlich Martin Zaik, in seiner vielleicht besten Mondpalastrolle?) nörgelnd und zeternd die Verhältnisse im Hausflur wieder zurechtrückt. Er ist grundsätzlich erstmal gegen alles und lebt seine Vorurteile richtig aus. Das Leben hat ihn wegen seiner Behinderung so gemacht.

Alle leben ihr kleines Leben und interessieren sich nicht wirklich für den anderen oder seine Probleme sondern wollen nur ihre Vorurteile ausleben.

Bis zu dem Tag an dem die Wohnungsgesellschaft den Mietern mitteilt das das Haus verkauft werden soll. Ringsherum stehen schon nur noch Bürohäuser, es ist also ein Filetstück, dieses Grundstück. Es soll an einem Spekulanten verkauft werden. Das ändertd die Situation in dem Haus schlagartig. Plötzlich merkt die Gemeinschaft dass sie, trotz aller Macken und Unterschiede, doch ganz gut und gerne hier zusammen wohnen. Sie sind sich im Laufe der Jahre doch schon näher gekommen als ihnen bisher klar geworden war. Ihnen wird schnell klar dass sie nur gemeinsam mit dieser Situation fertig werden können. So beschließt die Gemeinschaft das gemeinsam zu kaufen. Jeder soll einen Anteil in einen gemeinsamen Topf geben.
Letztendlich kann in einer gemeinsamen Aktion, die bis zur Erpressung geht, der Chef der Spekulantenfirma ist Kunde bei der Hobbydomina Hildegard, das Haus für die Gemeinschaft gekauft werden.

Autor Sigi Domke legt ein Stück vor, das vielleicht so oder so ähnlich ein Abbild eines Ruhrgebietshauses sein kann. Diese Multi-Kulti-Häuser gibt es im Revier zuhauf. Vielleicht ist nicht alles korrekt und manches mit Sicherheit überkandidelt. Aber eine Komödie darf oder muss sogar auch etwas politischen oder menschlichen Tiefgang haben.

Regisseur Thomas Rech lässt seine Protagonisten langsam und betulich ins Stück finden. Anfangs wissen Buschmanns nicht wirklich etwas mit dem ganzen Multi-Kulti anzufangen. Es ist ihnen einfach zu fremd. Erst mit Martin Zaik als Friedhelm Christ kommt so richtig Leben in die Bude. Grundsätzlich gegen alles und jeden halten seine „Zwischenrufe“ das Tempo und die Spannung hoch.
Dieses ausgezeichnete Ensemble wird von Thomas Rech, wieder einmal, zur Hochform angeleitet.
Das Bühnenbild spielt mit einigen politischen Andeutungen. Das Bild einer Moschee wird durch ein Porträt Osama bin Ladens ausgetauscht und vor der Wohnung des Polen lacht der ewige Papst Wojtyła.

Als Fazit bleibt übrig, das, auch wenn alle etwas anders, ein bisschen abgedreht, überkandidelt oder „seltsam“ sind, eine Gemeinschaft etwas schaffen kann, wenn nur die Verständigung darüber geführt wird.
Zum Schluss wird noch gesungen.“Wir wohnen alle unter einem Dach, in diesem ehrenwerten Haus“ Ein kleines Stück Realität in Herne, Bottrop und im Revier. Hoffentlich klappt es auch überall so gut wie zum Schluss im Mondpalast.
Und noch etwas typisches darf nicht vergessen werden: Es gab Currywurst.

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